Russland gibt Gas!

Wo können Anleger überhaupt noch Zinsen für ihr Erspartes bekommen? Die Entwicklung bei den Zinsen verläuft dramatisch und Investoren suchen nach sinnvollen Lösungen. In früheren Jahrhunderten sind die Menschen in Zeiten großer wirtschaftlicher Not (Hungersnöte, Kriege oder Epidemien) emigriert. Im deutschsprachigen Raum erreichte die einsetzende Auswanderung um 1820 einen Höhepunkt. Als der Vulkan Tambora in Indonesien ausbrach, wurde so viel Asche in die Atmosphäre geschleudert, dass es auf der nördlichen Halbkugel zu extrem nassen, kalten Sommern kam. Die Folge war ein dramatischer Ernteausfall in den beiden darauffolgenden Jahren. Anschließend kam es in den besonders betroffenen Regionen zu Massenauswanderungen. Die Menschen waren auf der Suche nach besseren Lebensbedingungen für sich und ihre Familien. Dafür nahmen sie viele Strapazen, Risiken und Unwägbarkeiten auf sich. Viele von ihnen fanden damals in den Vereinigten Staaten von Amerika eine neue Heimat. Auch wenn sich nicht alle Träume erfüllt hatten, war die persönliche Freiheit und die Aussicht auf Wohlstand für sie ein hohes Gut.

Auswandern mit dem Geld?

Lässt sich der Gedanke des Auswanderns auf die Finanzwelt übertragen? Seit längerem erleben wir in der Eurozone eine Phase der finanziellen Repression. Da die Europäische Zentralbank die Zinsen auf ein Rekordtief gedrückt hat, erleiden Sparer einen schleichenden Verlust ihres Geldwertes. Der Staat hingegen verdient an der Ausgabe neuer Anleihen. Die jüngste Bundesanleihe wurde für eine Laufzeit von 30 Jahren mit einer Rendite von -0,11 % pro Jahr ausgegeben. Anleger sind gefordert, sich aktiv nach anderen Anlagemöglichkeiten umzusehen. Um der finanziellen Repression zu entgehen, sollten Anleger auch die finanzielle Auswanderung zumindest für Teile ihres Vermögens in Betracht ziehen. Gemeint ist eine Aufteilung des Vermögens auf die aussichtsreichsten Märkte weltweit außerhalb der Eurozone. Allerdings sollte die Gewichtung nicht wie beim MSCI World nach Marktgewichtung der Unternehmen in den 23 Industrielän-dern vorgenommen werden, sondern nach anderen Kriterien, wie z. B. dem langfristigen Wachstumspotenzial, der Bewertung von Unternehmen, der Realverzinsung, der Inflationsrate und der demografischen und finanziellen Entwicklung eines Landes. Der Blick über den Tellerrand hinaus lohnt sich. Chancen bestehen abseits aller ausgetretenen Pfade. Blicken wir nach Russland!

Russland – eine Value Story

Das Land betreibt einen „Kapitalismus von oben". In den Bereichen Raumfahrt, Rüstung und den Bau von Kernkraftwerken ist die russische Föderation weltweit führend. Der deutsche Astronaut Alexander Gerst wäre ohne die russische Weltraumtechnik niemals zur ISS geflogen. Auch im Energiesektor (Öl und Gas) nimmt Russland eine herausragende Stellung ein. Anders als die Golfstaaten ist Russland nicht so abhängig vom Ölpreis, weil es über eine breite Produktionsbasis in anderen Sektoren verfügt. Allerdings gibt es nur wenige Pharma-, Konsumgüter- und Dienstleistungsunternehmen von internationaler Bedeutung. Der Mittelstand ist aufgrund der kommunistischen Historie des Landes schwach ausgeprägt. Existenzgründungen sind vergleichsweise gering. Und dennoch gibt es viele positive Argumente, die für Russland sprechen. Anders als in vielen westlichen Ländern gibt es eine positive Realverzinsung: Gemessen an russischen Staatsanleihen, die eine Rendite von ca. 7,2 % aufweisen und einer Inflationsrate von 4 %, liegt die Realverzinsung bei rund 3,2 %. Russland profitiert überdurchschnittlich stark von den großen Infrastrukturprojekten wie der neuen Seidenstraße. Trotzdem ist die Staatsverschuldung deutlich geringer als in den meisten anderen Industrienationen. Das trifft auch auf die meisten Unternehmen zu. Das Land zeigt Stabilität. Die Abhängigkeit von ausländischen Kapitalgebern ist folglich gering. Dennoch kann es sich dem globalen Konjunkturzyklus nicht entziehen. Zwar gibt es keine ausgeprägte Wachstumsfantasie – die Value-Story hingegen ist voll intakt.

Russische Aktien – Dividendenperlen mit Aufwärtspotenzial

Nicht nur bei der Bewertung der Unternehmen, sondern auch bei den Dividendenrenditen liegt das Land an der Wolga weltweit vorn. In den kommenden Jahren ist mit weiter steigenden Ausschüttungen an der Börse zu rechnen. Bereits seit 2015 fordert das russische Finanzministerium, dass staatliche Unternehmen 50 % ihrer Gewinne an ihre Aktionäre auszahlen sollen. Dem kamen die meisten Unternehmen inzwischen bereits nach. Ein weiterer Grund für höhere Dividenden sind die Forderungen der Oligarchen, die möglichst viel Liquidität aus ihren Firmenbeteiligungen rausziehen wollen. Für 2019 rechnen Experten bereits mit drei Billionen Rubel an Dividendenzahlungen, was umgerechnet etwa 40,4 Milliarden Euro entspricht. Zwei Jahre zuvor wurden lediglich 1,5 Billionen Rubel ausgeschüttet. Die russischen Unternehmen verfügen über enorme Cash-Bestände. Dadurch werden weitere positive Dividendenüberraschungen möglich.

Russland – ein Markt, der Risiken angemessen bezahlt

Für Value-Investoren sind gerade die Aktien besonders spannend, die über günstige Bewertungskennzahlen aufweisen. Damit kann der russische Aktienmarkt auf alle Fälle punkten. Denn im Vergleich mit den Wettbewerbern in anderen Regionen sind die Aktien etwa um die Hälfte preiswerter zu bekommen. Titel, die nach Kursrückgängen besonders günstig sind und deren Geschäftsaussichten langfristig positiv sind, lassen sich hier ebenfalls finden. Jedem erfahrenen Investor dürfte bewusst sein, dass russische Aktien volatiler sind und generell höhere Risiken aufweisen als klassische Aktien in den Industrieländern. Die entscheidende Frage ist, ob die eingegangenen Risiken gut und angemessen bezahlt werden. In Russland stecken die Risiken vor allem im politischen Bereich. Die Sanktionen des Westens seit der Annexion der Krim haben deutlich ihre Spuren hinterlassen. Nur hat das Land darauf reagiert. Die geringe Verschuldung des Staates und der Unternehmen macht die russische Föderation weniger angreifbar von außen. Auch wirtschaftliche Risiken sind zweifelsohne vorhanden, sollte es zu einer weltweiten Rezession oder einem Abschwung kommen. Diese bestehen aber auch in den anderen entwickelten Märkten. Aus meiner Sicht werden diese Befürchtungen an der Wolga eher über- als unterschätzt. Der Blick des Westens auf Russland ist zunächst von Skepsis geprägt. Die Gelegenheiten werden von den ausländischen Investoren meist nicht so wahrgenommen. Sie sind dort kaum investiert. Wenn Anleger abseits der ausgetreten Pfade investieren wollen, ist Russland erste Wahl. Die Bewertung ist niedrig. Die Dividenden stabil und die Wachstumsaussichten von Russland sind gut. Trotz aller politischen Risiken gibt es an der Wolga eine positive Realverzinsung und ein stabiles Umfeld. Für den langfristig orientierten Anleger sind dies beste Voraussetzungen, aussichtsreiche und spannende Investmentmöglichkeiten zu finden.

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